Die Gestalt der Chororgel der Stadtkirche St. Reinoldi

Die neue Chororgel ist der erste Teil eines musikalischen Gesamtkonzeptes für die Reinoldikirche zusammen mit der neuen Hauptorgel auf der Empore zwischen Mittelschiff und Turmkapelle.

Für den Standort der Chororgel innerhalb der Kirche kam nur das östliche Joch des südlichen Seitenschiffs als Ort in Betracht. Das nördliche Seitenschiff wurde wegen des Zugangs zur Sakristei  am östlichen Ende und der schlechten Sichtbarkeit  vom Süd West Eingang aus verworfen. 

Die Joche am Ende des Seitenschiffs sind breiter und höher überwölbt als in den übrigen Seitenschiffen und bilden zusammen mit der Rose und den seitlichen Fenstern im Giebel und der Lichtführung von oben ein Querschiff im Zentrum der Kirche, vor dem Chor mit Überschneidung mit dem Mittelschiff, aber ohne Ausbildung einer Vierung. Mit diesem Ort ist der Abstand zur Hauptorgel  groß genug für eine Eigenständigkeit beider Orgeln bei gleichzeitigem akustischem und und visuellem diagonalen Bezug. Dies entspricht zusammen mit der einzeln und gemeinsamen Spielbarkeit beider Orgel von drei möglichen Positionen des flexiblen Spieltischs aus. Eine Position für den Spieltisch befindet sich direkt vor der Chororgel. Diese bildet zusammen mit dem Spieltisch und der Orgel ein Instrument, verstärkt damit die Querachse und gibt ihr einen Abschluss. Von der Position aus, in der Mitte der Kirche vor dem Chor, können die Organisten beide Orgeln zusammen sehen und hören. Von allen drei Positionen aus können die Orgeln gemeinsam mit Chor und Orchester gespielt werden.

Um die Baugeschichte erzählende  Raumhülle der Kirche  nicht anzutasten und die Orgel als Skulptur frei im Raum wirken zulassen, ohne sie dabei zu weit in das Seitenschiff und Querschiff und vor das Ostfenster dringen zulassen,  wurde die Orgel Skulptur frei vor die Außenwand, aus dem Boden wachsend, gestellt. So ist die Chor Orgel auch vom Süd West Eingang am Ende des Seitenschiffs  und diagonal durch den Raum sichtbar, je nach Position im Raum, mal mehr mal weniger, ohne das Raumgefüge zu stören.

Die Form der Chororgel wird bestimmt durch den gewählten Ort innerhalb des Kirchraums, die vertikale Symmetrie Achse von Rose, beiden Seitenfenstern und unterer Ausgangstür , die Funktion als Gehäuse,  und Resonanzraum für die Musik aus dem Innenleben, ermöglicht durch die Orgeltechnik, diese  geplant vom Orgelbaumeister Karl-Martin Haap, Werkstätte für Orgelbau Mühleisen GmbH, in enger Zusammenarbeit und gegenseitiger Wechselwirkung. Die Form ist die Visualisierung der Entstehung des Klangs aus dem Inneren, den Pfeifen im Prospekt und der Idee einer massiven Orgel Skulptur aus rostigem Stahl und silbrigem, glänzendem und poliertem Feinzink.
Die fast samtige dunkel rötlich braune, das Licht schluckende Oberfläche des rostigen Stahls soll gebunden kontrastieren mit der Oberfläche und Farbe des Sandsteins der Wände, des Bodens und den Holz Intarsien unter den Bänken und harmonieren mit dem gesamt Farbklang  einschließlich der Ausstattung und der Kunst im Raum. Der Stahl für das Gehäuse ist, wie der alte Stein der Kirche, dem Boden der Erde entnommen. Deshalb hat er keine perfekt lackierte Oberfläche, sondern durfte und musste langsam dem Wetter ungeschützt ausgesetzt, auf dem Werkhof der Firma Lams Stahlbau GmbH in Sarstedt bei Hannover, natürlich rosten, solange bis es gut war. Im Kontrast zum rostigen Stahl des Gehäuses das Metall Feinzink für die Prospekt Pfeifen, silbrig hell poliert, das Licht reflektierend, die Rundung verstärkend, die Schwere des Korpus mindernd. Für die Beurteilung des Standes der Rostung waren viele Reisen nach Sarstedt zum rostenden Orgel Gehäuse und Geduld notwendig.

Die Form der Orgel Skulptur wird gebildet aus einem vertikalem Stahlblock mit Aushöhlung unten für den Durchgang und schwebend vorgesetzter rechteckiger flächiger Stahl gerahmter Platte, an allen Seiten überstehend, als Träger für die Prospekt Pfeifen. Die Pfeifen ganz leicht zur Mitte hin im Grundriss konkav, die vertikalen Linien der Pfeifen zur Mitte hin verdichtend, der Labienverlauf der Pfeifen  parabelförmig zu den Rändern hin ansteigend, die Oberkante die Rose stützend, die Symmetrie der Architektur aufnehmend.

Mit dem gewählten Ort, den gewählten Materialien  und der entwickelten Form wird die Chororgel im Sinn des gebundenen Kontrastes die Realisierung der Idee einer eigenständigen Orgel-Klang-Skulptur, gleichzeitig aber auch integrierter Teil der Architektur der St. Reinoldi Kirche.

Die Vorfreude auf die neue Orgelanlage steigt

Einen hochinteressanten Einblick in die Orgelbaustätte Mühleisen erhielt Reinoldikantor Christian Drengk bei seinem Besuch vor Ort.

Leonberg bei Stuttgart: Orgelbaumeister Karl-Martin Haap stand für eine exklusive Werkstattführung parat. Dabei wurde u.a. der mechanische Spieltisch gezeigt, der später einmal an der Hauptorgel über dem Durchgang zum Turmraum montiert wird.

Eindrücklich auch die neuen Orgelpfeifen, hochglänzend in Folie gepackt und noch nicht bearbeitet. Im Nebenraum findet sich dann einiges an altem Pfeifenmaterial der Walcker-Orgel, das im Sommer 2019 begutachtet, ausgebaut und für die Wiederverwendung präpariert wurde.

Die Motoren, Windkanäle und Laden der neuen Hauptorgel stehen bereits auf einer aus Dortmund angelieferten Stahlkonstruktion.

Für den Aufbau der Chororgel ist alles vorbereitet, die Arbeiten starten Anfang August. Eine der wichtigsten Phasen beim Orgelneubau, das Intonieren (sprich, in mühevoller Hör- und Handwerksarbeit jedem Register einen Charakter zu verleihen und an den Raum anzupassen), findet in insgesamt fünf Arbeitswochen in den Monaten September und Oktober statt.

Bei einer Tasse Kaffee wurde noch einmal gemeinsam der Zeitplan durchgegangen. Die Inbetriebnahme der Chororgel ist für November 2020 vorgesehen. Die Orgelanlage, mit deren Bau eine der renommiertesten deutschen Orgelbaufirmen betraut ist, wird durch die größere Hauptorgel komplettiert, deren Fertigstellung für Ende 2021 geplant ist.

Zurück in Dortmund: Die eindrucksvolle Stahlskulptur im südlichen Seitenschiff zeigt, dass die Arbeiten nun konkreter werden. Auch in der Orgelbaufirma ist längt alles bereit, etliche Pfeifen haben bereits den Weg nach Dortmund gefunden und warten im Altarraum auf den Einbau in die Chororgel.

Mit jeder neuen Bauphase steigt die Vorfreude auf eine großartige und innovative Orgelanlage für St. Reinoldi.